Die folgende Überzeugung teile ich oft und gern –  aus Berufung und Erfahrung:

Schreiben hilft.

Es hilft täglich – zum Sortieren, um sich mehr zu freuen, um zu trauern, um Beziehungen zu klären, um sich zu entspannen usw.  Dass Schreiben wirkt, ist erwiesen – wenn es einige Kriterien erfüllt.

Heute füge ich eine zweite Überzeugung hinzu, an die mich gerade eine Reporterin des Deutschlandfunks erinnert hat.

Lesen hilft.

Reporterin Franziska Boeselager wollte etwa wissen, ob Lesen so gut wirkt wie Schreiben. Poesie- und Bibliotherapie sind untrennbar verbunden, habe ich ihr erklärt. Wobei Poesie nicht mit Lyrik gleichzusetzen ist, sondern das Schreiben aller Arten von Texten meint. Denn das griechische „poiesis“ bedeutet Erschaffung, nicht etwa Dichten oder Lyrik. Wir erschaffen also Texte und lesen sie – oder hören zu. Und hier beginnt Bibliotherapie. Poesie- und Bibliotherapeut*innen suchen Literatur bewusst aus und geben sie Menschen zu lesen, um anzuregen und eine Resonanz auszulösen. Resonanz – das ist noch so ein Fachwort, das in der Poesietherapie eine große Rolle spielt und leicht mit einem Beispiel erklärt werden kann: Wenn wir ein bewegendes Gedicht  lesen, reagieren wir mit Gedanken und Assoziationen oder auch mit Gefühlen. Vielleicht werden wir traurig, glücklich, wir bekommen Fernweh oder Sehnsucht.

Wir sind in Resonanz.

Das funktioniert im Prinzip wie atmen. Ein und Aus. Wir nehmen einen Eindruck auf, ordnen ihn ein und drücken das Ergebnis aus. Ein fortlaufender Prozess beginnt, der uns lebendig hält und mit der Welt verbindet. Wir sprechen mehr über diese Beziehung zur Welt, seit der Soziologe Hartmut Rosa einen Wälzer über die Resonanz geschrieben hat. Wie Poesietherapeut*innen glaubt Rosa, das wir leiden, wenn wir nicht in  Resonanz gehen können. Wir fühlen uns einsam, begrenzt, machtlos, unverbunden. Lesen kann uns helfen, weil es Antworten in uns provoziert. Weil es eine Tür zur Welt öffnen kann und frische Luft hinein lässt.

Was passiert noch, wenn wir lesen?

Wenn wir ein Buch lesen, gleichen wir die Ideen, die entstehen, mit unseren Erfahrungen ab. Wir fragen uns: Kann ich das bestätigen? Habe ich das anders erlebt? Außerdem identifizieren wir uns oft mit den Figuren. Wir fühlen uns durch sie bestätigt oder lernen von ihnen neue Sichtweisen. Beides kann heilsam sein, weil es – siehe oben – unsere Perspektiven erweitert und wieder neugierig aufs Leben macht.

Wir atmen Welt.

„Lesen, schreiben, atmen“. So heißt ein neues Buch von Doris Dörrie. Ich mag das Buch, auch wenn es unterschlägt, dass die Idee des heilsamen Schreibens mit allen Sinnen spätestens mit der Poesietherapie in Deutschland (vor grob 50 Jahre) auf die Welt kam und nicht mit Doris Dörrie. Aber wie gesagt, ich mag ihr Buch, weil es lebenslustig macht. Weil es uns auffordert, die Welt wahrzunehmen und auf sie zu antworten. Ich würde sogar sagen:

Schreiben mit allen Sinnen wird zum Wohlschreiben.

Dieses Buch zu lesen ist gut, und sich zum Schreiben anregen zu lassen, ist sogar noch besser.

Zum Schluss dieses Beitrags habe ich heute noch eine Frage für Euch, die ich mir nach dem Radio-Interview selbst gestellt habe: Welche Bücher und Texte haben Euch in Eurem Leben gut getan und nachhaltig beeinflusst? Das sind vielleicht Kinderbücher – bei mir: „Die kleine Hexe“, Jugendbücher – bei mir: „Jack London“, Gedichte – bei mir: Ulla Hahns Verse, oder auch Sachbücher, Artikel usw. usf.

Anregung:

• Schreibt sieben Minuten darüber, was Euch an einem prägenden Buch gefallen hat.

• Wann, in welcher Lebensphase habt Ihr es gelesen? Hält es auch heute noch eine Botschaft für Euch bereit?

• Welches Buch ist für Euch heute unentbehrlich?

• Vergleicht die Botschaften der Bücher miteinander.

• Was fällt Euch auf oder überrascht Euch?

Viel Freude und gute Erinnerungen wünscht Euch Birgit

Den Beitrag über das Gesunde Lesen, der am 23.7., im Deutschlandradio zu hören war, könnt Ihr hier finden.

von Birgit Schreiber